Wer entscheidet was? Selbstorganisation und die Angst allein zu entscheiden

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Wer entscheidet was?
Selbstorganisation und die Angst, allein zu entscheiden

Wenn in der Zusammenarbeit von Menschen Hierarchien und klare Leitungsstrukturen entfallen, dann stellt sich eine große brennende Frage: Wer entscheidet was im Alltag?

Da die Handlungsanweisung nicht von oben kommt und niemand sagt, was wir tun sollen – wie können wir dann Entscheidungen treffen? In einer Selbstorganisation kann jeder einzelne Mensch kleine und grosse Entscheidungen treffen. Wir bekommen nicht von oben das „okay“, sondern entscheiden entweder allein für unseren Verantwortungsbereich oder gemeinsam mit anderen.

Damit diese Befähigung des Einzelnen zur Selbstführung und zur Entscheidungsfindung in Gruppen gelingen kann, braucht es bestimmte Rahmenbedingungen und bestimmte Kompetenzen, die andere sind als wir aus hierarchischen Systemen kennen.

Rahmenbedingungen für Selbstführung:

  1. Es gibt einen gemeinsamen verbindenden Sinn der Organisation. Ich prüfe vor der Zusammenarbeit, ob neue Mitarbeiter*innen ebenfalls diesen Sinn verfolgen und trenne mich von Menschen, die einen anderen Sinn bevorzugen. Die Erfahrung zeigt, daß z.B. die Gründung einer Kita oder einer Schule einer starker Sinn ist, der leicht viele Menschen zusammenbringt. Allerdings braucht es nach der Gründung für den laufenden Betrieb meistens eine erneute, genauere Bestimmung des Sinns dieser Kita/Schule – ansonsten werden Zielkonflikte und Streitereien über die Ausrichtung der Organisation nervenaufreibend und destruktiv.
  2. Es gibt gemeinsame Grundsätze des Handelns, die für alle verbindlich sind. Bei Verstoß gegen diese Grundsätze greift zuerst der Konfliktlöseprozess und zuletzt die Trennung von diesem Menschen. (Hier findest Du eine Übersicht, welche Grundsätze in einem selbstorganisiertem Team aus systemischen Gründen unverzichtbar sind.)
  3. Menschen und Teams haben Verantwortungsbereiche, in denen sie selbständig entscheiden können.
  4. Es gibt Rollen- und Strukturklarheit, wer übernimmt für was die Verantwortung und die Führung. An dieser Stelle werden z.B. auch die klassischen Führungsaufgaben verteilt – allerdings auf mehrere Menschen und ohne hierarchische Macht.
  5. Es gibt situative Führung – der Mensch mit den geeigneten Kompetenzen übernimmt für diesen speziellen Fall Führung in der Gruppe.
  6. Es gibt einen allen bekannten Konfliktlöseprozess und Geld für Beratungen zur Prozessorganisation und Konfliktlösung. Das Mindeste wäre z.B. regelmäßige Einzel- und Team-Supervision.

 

Wer entscheidet? 

  1. Wen halten wir für kompetent? Die/der bekommt von der Gruppe die Verantwortung/Führung für diesen Bereich übertragen. Kann und muss dann sowohl selbständig schnelle Entscheidungen treffen als auch den Beratungsprozess für größere Entscheidungen starten.
  2. Oder jeder, der die drei Schritte für Entscheidung in Selbstorganisation einhält, den Beratungsprozess: Stimmt die Entscheidungen mit dem Sinn und Grundsätzen der Organisation überein? Habe ich Fachleute/Experten dazu befragt? Was sagen die Betroffenen dazu?
  3. Sollte sich die Gruppe weder für einen kompetenten Menschen entscheiden können noch jemanden das Vertrauen geben können die drei Schritte der Entscheidung in Selbstorganisation (Beratungsprozess) einhalten zu können – dann liegen mit Sicherheit persönliche Konflikte vor, die der Lösung bedürfen.

Selbstorganisation bedeutet alle notwendigen persönlichen Konflikte für die Zusammenarbeit auszutragen – dies ist nicht immer ein bequemer Weg!

Neben diesen Rahmenbedingungen braucht es genauso Kompetenzen von allen Menschen in selbstführenden Organisationen:

  1. Ich kann den persönlichen Sinn meines Lebens beschreiben und den Sinn, den ich in dieser Organisation finde. Ich unterscheide zwischen persönlichen Zielen und Zielen der Organisation.
  2. Ich „liebe“ die Grundsätze des Handelns und übe mich immer wieder darin zu reflektieren, ob mir die Umsetzung im Alltag gelingt. Ich bin offen für Feedback von anderen, ich stelle mein Verhalten zur Diskussion.
  3. Ich kann formulieren, was ich will und was ich nicht will. Dies ist der Anfang von Enscheidungsfindungen – nicht das Ende! Auf dieser Basis beginne ich Dialoge anstatt sie zu beenden.
  4. Ich bin bereit, zu spüren, was stimmig für die Organisation ist.
  5. Ich übe täglich Selbstverantwortung (Was will ich, was brauche ich, was will ich beitragen und wo grenze ich mich ab)
  6. Ich erkenne destruktives Verhalten (übergriffiges, verletzendes, unauthentisches oder abwertendes Verhalten und übe mich darin, den Gruppenprozess zu stoppen, für mich zu sorgen und die Umsetzung der Handlungsgrundsätze einzufordern.
  7. Ich hole mir Beratungs- und Fortbildungshilfe, wenn ich überfordert bin.

Der häufigste Irrtum in selbstorganisierten Teams 

„Ich darf allein keine Entscheidung treffen, ich darf nicht die Führung übernehmen. “ Doch, Du darfst und musst sogar. Aber WIE das tust, dazu gibt es Vorgaben. 

Du könntest sagen: „Liebes Team, ich möchte eine Entscheidung bezüglich … treffen und werde nun den die 3 Schritte für Entscheidungen in Selbstorganisation gehen. “
Damit startest Du einen längeren, transparenten Beatungsprozess
und triffst am Ende – allein – eine Entscheidung!

Erfahrungen aus Kitas und Schulen mit Selbstorganisation zeigen, daß sich zwei Verantwortungsbereiche recht sauber trennen lassen: Der pädagogische und der verwaltungstechnische Teil der Organisation. Es hat sich bewährt, daß das pädagogische Team selbständig über alle Belange, die direkt mit Kinder/Eltern zu tun haben, entscheidet. Bei der Einstellung neuer pädagogischer Mitarbeiter*innen braucht es allerdings Zusammenarbeit mit dem Verwaltungsteam, da es hier ja finanztechnische Vorgaben gibt. 

Nicht so einfach gestaltet sich oft die Rechtsform des Vereins für selbstorganisierte Kitas und Schulen. Denn die Rechtsform Verein etabliert eine Hierarchie des Vorstands und führt im Alltag oft dazu, daß Vorstandsmitglieder aus rechtlicher Angst heraus handeln anstatt auf Basis der gewünschten Selbstverantwortung. So fühlt sich der Vorstand oft für das pädagogische Gesamtkonzept zuständig oder für Mitarbeiterführung und gerät in Konflikt mit der Selbstorganisation des pädagogischen Teams. Hier kommt es besonders darauf an, daß Vorstände sehr genau ihren Verantwortungsbereich benennen können: „Ich habe in dieser Organisation die Verantwortung dafür, daß rechtliche Vorgaben für Arbeitgeber eingehalten werden und daß die Organisation als ganzes rechtlich & finanziell in Übereinstimmung mit den Gesetzesvorgaben ist“. Diese Tätigkeiten sind aus meiner Sicht eindeutig im Verwaltungsteam zu verorten. Wenn Vorstände es schaffen, sich auf diesen wichtigen, unter Pädagog*innen oft unbeliebten Teil der Aufgaben zu konzentrieren und rollenklar zu handeln, kann die Zusammenarbeit fruchtbar werden. Dazu braucht es immer wieder im Alltag die Aussage, in welche Rolle ich gerade spreche, z.B. „Jetzt sage ich etwas als Vorstand dieser Organsation“ oder „Jetzt sage ich etwas als Mensch in dieser Organisation, aber nicht aus der Vorstands-Hierarchie heraus“. 

Vereinsvorstand und Selbstorganisation kann gelingen,
wenn Vorstände sich auf ihre tatsächliche verwaltungstechnische Verantwortung  begrenzen, den Beratungsprozess einhalten und rollenklar handeln.

Wie sind Eure Erfahrungen? Welche Konflikte ergeben sich im Alltag? Ich freue mich über Eure Beiträge in den Kommentaren.

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