Wie Du mit Deinem Anliegen etwas bewirkst im Team

Ganz häufig in meiner Einzel- und Team-Supervisionsarbeit mache ich folgende Erfahrung: Vor mir sitzt eine freundliche, engagierte, professionelle pädagogische Fachkraft und sagt frustriert: „Ich habe das jetzt schon so oft im Team gesagt und es passiert nichts. Ich weiß nicht, was ich noch machen soll.“

Und wenn ich mir das Anliegen erklären lasse, dann sind es oft sehr wertvolle Wahrnehmungen oder pädagogische Ziele, die dem Team oder Einrichtung eigentlich sehr nützen könnten.

Der Teufel steckt wie so oft im Detail, in 95% der Fälle ist es nicht Inhalt, der die anderen Teammitglieder abschreckt. Es ist die Form, wie wir unser Anliegen ins Team bringen und wie wir mit den Reaktionen der anderen umgehen. Eine häufige Falle ist, es das eigene Anliegen als Erwartung an die Anderen zu formulieren, das setzt unter Druck und dann verschliessen sich Menschen.

Mini-Anleitung Dein Anliegen ins Team zu bringen

Hier kommt eine kleine generelle Anleitung – sie funktioniert am besten, wenn Du Dir jetzt Zettel und Stift nimmst und zu jeder Frage ein bis drei Sätze aufschreibst. Mische die Fragen nicht – genau das kann schon dazu führen, dass Dein Anliegen verpufft!

  1. Was ist Deine Beobachtung, Deine Wahrnehmung?
    Hier darfst Du so subjektiv sein, wie Du willst und niemand muss Deine Wahrnehmung 100% teilen – denn jeder hat eine andere Wahrnehmung der Situation. Versuche wertfrei zu beschreiben, kein richtig, kein falsch, keine Wertung,
    z.B. „Hey Leute, ich habe den Eindruck wir kommen ganz oft vom Thema ab, verzetteln uns, machen immer noch ein Nebenthema auf. Mich strengt das total an und ich schalte dann ab.“
  2. Was ist der Sinn Deines Anliegens?
    Worum geht es Dir? Z.B. „Ich sage das jetzt hier, weil ich das Gefühl habe, das macht die Teamsitzungen so anstrengend und ich möchte gerne effektiver arbeiten. Ich will, dass wir zusammen entscheiden, in welche Richtung wir gehen und nicht dass wir so hin und her springen. Ich will die anderen Themen nicht wegreden, aber ich glaube es wäre leichter, die Aufgaben zu erledigen, wenn wir fokussierter sind.“
  3. Was wirst Du tun dafür?
    Schreibe Sätze auf, die mit „Ich will… oder Ich will nicht… “ anfangen – ja genau diese Form, die viele Menschen als unhöflich empfinden! Sie hat den Vorteil, dass Du nur so klar, konkret und persönlich sein kannst! Was tust Du genau dafür in Zukunft?
    „Ich will jetzt jedes Mal, wenn ich das Gefühl habe, wir kommen vom Thema ab oder erweitern es erheblich, die Hand heben und einen kurzen Gruppencheck -max. 1 Minute – einfordern, ob wir abweichen oder uns fokussieren, so können wir gemeinsam und bewusst handeln. Ich würde mich freuen, wenn das alle anderen auch tun, denen es auffällt. „
  4. Nimm Feedback entgegen
    Verstehen Die anderen Dein Anliegen? Was haben sie gehört? Wo sind sie mit Dir einig, wo haben sie andere Ziele oder andere Lösungen? Wollen sie Deinen Wunsch erfüllen?
    „Ich möchte von Euch wissen, wie findet ihr meine Idee? Seid ihr einverstanden, wenn ich die ganze Gruppe stoppe, damit wir zusammen entscheiden, ob wir fokussieren oder uns einem anderen Thema zuwenden? Was sagt ihr dazu?“
  5. Gebe Bedenk- und/oder Experimentierzeit und sorge dafür, daß Du in der nächsten Teamsitzung darauf zurückkommst.
  6. Setze es auf die Tagesordnung der nächsten Teamsitzung.

So jetzt wird es spannend: Was passiert, wenn Ihr einen solchen Dialog (keine Diskussion! siehe auch mein Artikel „Dialog oder Diskussion?„) führt? Es ist sehr gesund, davon auszugehen, dass es nur sehr selten passiert, dass ein persönliches Anliegen 1:1 erfüllt wird! Es ist also unrealistisch, wenn Du hoffst, die anderen sagen einfach JA oder einfach NEIN zu Deinem Anliegen.

Wahrscheinlicher ist, dass sehr viele Facetten des Problems zu Tage kommen und andere Menschen andere Lösungsideen haben. Vielleicht sogar andere Ziele! Wichtig ist nicht, dass ihr sofort ein Lösung habt oder ein Ergebnis… aber sehr wichtig ist für Dich, dass Du weisst, ob die anderen

  1. Deine Wahrnehmung teilen oder zumindest anerkennen können
  2. Dein Ziel sinnvoll finden (oder andere Ziele verfolgen)
  3. Dein Handeln „absegnen“ oder ein Konflikt entsteht, der weiter bearbeitet werden muss.

Wenn Du auf diese Fragen eine Antwort hast, dann bist Du ein ganzes Stück weiter – herzlichen Glückwunsch. Du hattest Mut, Du hast Dich persönlich gezeigt, Du hast Deine Interessen vertreten, Du hast ausgehalten, dass die anderen sich nicht so verhalten, wie Du es vielleicht möchtest!

Vielleicht merkst Du, dass Du Dich bei solchen Teamprozessen von der Idee verabschieden musst, ihr könntet alles harmonisch und im Konsens entscheiden. Harmonie und Einigkeit sind keine Notwendigkeiten für ein starkes Team – aber die Fähigkeit aller Menschen im Team, bei jeglicher Meinungsverschiedenheit integer, selbst-verantwortlich, authentisch und gleichwürdig zu bleiben!

Wenn Du das Gefühl hast, das gelingt Euch nicht bei bestimmten Themen – dann ist es professionell Hilfe zu holen, damit ihr gemeinsam stärker werden könnt! Und so läuft der Prozess sich bei Stillstand Hilfe zu holen bis mein Anliegen eine Lösung gefunden hat:

Mit diesen Schritten kommst Du vom Stillstand zur Entwicklung:

  1. Reserviere Dir Teamzeit und sprich es direkt im Team an (siehe Anleitung unten)
  2. Gib Bedenkzeit und nimm das Thema noch mal auf bei der nächsten Teamsitzung
  3. Wenn Du das Gefühl hast, es passiert nichts, dann suche Dir in Deiner Einrichtung und hole Dir Rat bei einer vertrauten Person in Deiner Einrichtung. Wichtig, rede nicht über die anderen, sondern über Dich, was könntest Du tun, was könnte Dir helfen? Sonst ist es Klatsch oder noch schlimmer Allianzen schmieden – das sind Machtkämpfe und kein kollektives Wachstum!
  4. Wenn Du das Gefühl hast, es passiert auch dann noch nichts, dann buche Dir eine Einzelsupervision – nur so nimmst Du Dich und Dein Anliegen wirklich wichtig. Gute Einrichtungen zahlen Dir 50 – 100% der Kosten!
  5. Bringe das Thema ggf. erneut ins Team ein.
  6. Wenn Du das Gefühl hast, es passiert nichts, dann bestehe auf einer Teamsupervision, wo Du dieses Thema erneut ansprechen kannst und Du einen sicheren Rahmen hast.

    Ich bin mir sicher, wenn Du diese Schritte gegangen bist, dann hat sich schon etwas bewegt in Deinem Team! Dein Anliegen hat etwas in Bewegung gebracht, es hat sich wahrscheinlich etwas verändert im Laufe des Prozesses… und vielleicht oder gerade deswegen einen kleinen blinden Fleck in der Organisation beseitigt!

Schreibe mir gern in den Kommentaren, was Dich so ausbremst im Team und was passiert, wenn Du diese Schritte anwendest – ich bin gespannt!

Veröffentlicht von

Katrin Paul

Baujahr 1969, Wildnisreisende, Pädagogin, Naturliebhaberin, Mutter und Ehefrau, Kitaleiterin, Qigonglehrerin, Projektmanagerin... immer daran interessiert, der Natur der Sache auf den Grund zu gehen und Weite in den Horizont zu bekommen. Meine Lieblingsthemen: Bewegte Meditation, Coaching zur Potentialentfaltung, Elterncoaching, Kita- und Schulfortbildungen zur Beziehungskompetenz und Umgang mit traumatisierten Kindern.

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