Warum es sich ohne „Echtsein“ nicht gut leben lässt

Posted on  by Katrin Paul

Manchmal begegne ich Menschen, die so ein tiefes Unglück in sich tragen.
Es scheint keinen Weg zu geben, es zu wagen, die eigene Wahrheit, die eigene Authentizität, zu leben. Der Preis ist hoch, wir selbst verlieren täglich unsere Leichtigkeit, unsere Kinder leiden mit uns und entwickeln Symptome der Trauer und der Angst vor Verletzung.

Die wenigsten betroffenen Menschen wissen, dass dies passiert, wenn wir es nicht wagen authentisch zu sein. Denn Authentizität ist einer der vier existenziellen, evolutionären Werte, die wir zum Menschsein brauchen.

Gerade in vielen Einrichtungen, die sich um ein gutes Miteinander bemühen, herrscht statt Authentizität, die ja immer auch Konflikte produziert, eher eine Diktatur der Harmonie (wie es treffend mein Kollegin Nancy Franke in einer unserer pferdegestützten Teamfortbildungen diagnostizierte). Alle möchte nett sein, niemand soll verletzt werden, deshalb wird jeder kleinste Konflikt gemieden und dazu müssen wir uns unsere Authentizität verkneifen.

Die vier Werte, die Jesper Juul und Helle Jensen ihr ganzes Leben lang erforschten und bekannt machten, sind aber kein schönes Beiwerk oder nur bei guten Bedingungen anzuwenden. Deswegen nenne ich sie so gern existenziell. Und dazu auch noch evolutionär, denn wenn wir es wagen, die vier Werte Integrität, Selbstverantwortung, Authentizität und Gleichwürdigkeit wirklich zu leben, gerade wenn es unbequem und gefährlich für uns scheint, dann erst kommt Evolution in Gang, dann entwickelt sich unser Miteinander in die Lebendigkeit hinein und lässt uns gemeinsam wachsen.

Authentisch sein – auch Radikale Ehrlichkeit (radical honesty) – braucht noch eine Zusatzmittel, damit es heilsame Wirkung entfalten kann, die persönliche Sprache. Denn Echtheit, die nur aus übergriffiger Wut, Anklage und Verletzung besteht, führt in Beziehungen zu noch mehr Gewalt und Unglück. Authentisch sein braucht auch die Fähigkeit, über mich statt über den anderen zu reden, mich selbst offen und verletzlich zu zeigen statt den anderen mit Worten zu verletzen, mich selbst als unperfekt und unfertig zu offenbaren. Ich erlebe immer wieder, wie ungewohnt bishin zu verpönt persönliche Sprache in unserer Kultur ist und wieviel Übung es braucht.

Aber Übung in radikaler Ehrlichkeit plus persönlicher Sprache lohnt sich! Meine Beratungstätigkeit lässt mich deshalb auch auf Menschen treffen, die angestoßen durch große Krisen das vorher Unmögliche jetzt wagen – authentisch reden und handeln in der Partnerschaft nach Jahren des Nebeneinander-Funktionierens oder der gegenseitigen Vorwürfe. Und erleben, dass die Liebe in einer neuen, reifen, stillen und mächtigen Form genau dann Einzug hält, wenn wir darauf vertrauen, daß unsere Authentizität sein darf. Das wir genau so sein dürfen, wie wir uns jetzt gerade spüren und ausdrücken können.
Dies gilt nicht nur für Paare, auch in Arbeitsteams verschwinden durch Authentizität und persönliche Sprache alte Befindlichkeiten und plötzlich kann ich mein Gegenüber gut aushalten oder sogar wertschätzen, obwohl das vorher nicht möglich schien.

Im Kompass Neue Beziehungskultur findest Du die vier Werte Integrität, Selbstverantwortung, Authentizität und Gleichwürdigkeit kurz & anschaulich beschrieben. Er soll eine kleine Orientierung & Erinnerung für unser alltägliches Handeln in Familie, Kita und Schule (oder in jedem anderen Arbeitsteam) sein. Hier kannst Du ihn kostenlos herunterladen: Kompass Neue Beziehungskultur.

Das Projekt „Emapthie macht Schule“ bringt diese Ideen in drei Berliner Schulen und wird hoffentlich bald in vielen Einrichtungen das Wissen u.a. um Authentizität gesellschaftlich neu verankern.

Ohne Authentizität keine Lebendigkeit! Dieses Lied handelt meiner Meinung nach auch von einer melancholischen Hoffnungslosigkeit authentisch zu sein.

Wie finden wir den Mut authentisch zu sein? Was macht Euch Mut authentisch zu sein? Ich freue mich über Eure Ideen.

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