Wie Dein Verantwortungsgefühl zum Gift in Beziehungen wird

Ich persönlich bin keine Biertrinkerin, ich mag zwar den Duft, aber ich trinke es nie. Komischerweise ist meine häufigst genutzte Metapher in Beratungen der Ausspruch: „Ist das Dein Bier oder ihr/sein Bier?“ Scheinbar sind meine Beratungen recht bodenständig 😉 – aber nein, es hat eben gar nichts mit Bier zu tun, sondern mit meinem Lieblingsthema Integrität. Und das kommt so:

Letztens bin ich in einer Paarberatung wieder einmal über das Thema „sich sozial verhalten und Verantwortung für den anderen tragen“ gestolpert. Mir ist diese Haltung, wie vielen anderen Menschen, sogar bewusst anerzogen worden: „Kümmer Dich um den Anderen – pass auf, daß es dem Anderen gut geht! Das ist sozial, das musst Du tun!“

Und so gibt es viele Menschen in unserer Gesellschaft, die es für „Verantwortung“ halten, wenn ich etwas FÜR den Anderen tue! Verantwortung ist dann, mein Handeln rücksichtsvoll an den angeblichen ! Bedürfnissen des Anderen auszurichten. Das kennst Du vielleicht von Dir selbst oder Anderen:
– Weil Dein Partner so streng ist, bist Du weniger streng mit den Kindern.
– Weil Dein Partner so aufgebracht ist, versuchst Du einen kühlen Kopf zu bewahren und jede Emotion zu vermeiden.
– Weil Du das Gefühl hast, Dein Partner ist schon am Limit sprichst Du die Probleme, die Dich belasten, nicht an.
– Weil Du Deinen Partner nicht verletzen willst, schläfst Du heute Nacht mit ihm oder machst den Ausflug mit.
– Weil Du das Gefühl hast, das belastet den Anderen zu sehr, machst Du allein die Finanzen, den Haushalt usw.
– In der Familie (oder im Teams) fängst Du an, Dich um… zu kümmern, weil es ja sonst keiner tut.
– Dein Kind ermahnst Du, dass es nicht so gemein zu seinem Geschwister sein soll, weil es dem ja eh schon nicht gut geht.

Das sind alles vielfältige Variationen „sich sozial und rücksichtsvoll“ zu verhalten und es wird moralisch hoch bewertet. Heute weiß ich durch meine Ausbildung am Deutsch-Dänischen Institut für Familientherapie und Beratung, daß genau das keine sinnvolle Definition von Verantwortung ist. Tatsächlich ist es Über-Verantwortung.

Über-Verantwortung ist Gift für Beziehungen! Ich habe Partnerschaften daran scheitern sehen. Das ist ein Drama, denn alle haben mit den besten Absichten gehandelt und dennoch genau damit die Beziehung runiniert! Deswegen schreibe ich darüber, damit es nicht noch mehr Menschen passiert. Damit wir unsere Kinder nicht mit diesem falschen Verständnis von Verantwortung erziehen!

Warum ist falsch verstandene Verantwortung so giftig? Meine Antwort lautet, weil Du außerhalb Deines persönlichen Raumes agierst – du handelst also nicht integer, sondern übergriffig und dazu noch unauthentisch. Damit verletzt Du zwei von den vier fundamentalen Werten für gelingende Beziehungen! Siehe dazu auch meinen Artikel „Warum immer diese vier Werte?“

In diesem Fall machst Du Dich größer und wichtiger als Dein Gegenüber. Du nimmst Deinem Gegenüber ungefragt Entscheidungen ab und damit entsteht eine Oben-Unten-Beziehung, keine auf Augenhöhe! Sehr oft reagieren deshalb die Betroffenen auch mit Wut – das ist absolut verständlich und angemessen, wenn einem die Integrität durch diese angebliche „Verantwortung“ abgesprochen wird!

Es braucht den bewussten Abschied von der Überzeugung, daß eine Beziehung nur funktionieren kann, wenn man sich „zurücknimmt“, wenn man etwas FÜR den Anderen tut. Die Idee, daß eine Beziehung dann am besten ist, wenn jeder maximale, radikale Selbst-Verantwortung übernimmt, die ist noch nicht sehr verbreitet. Zu sehr haben wir die mahnenden Stimmen unserer Großeltern im Ohr, daß man verzichten muss, um Gemeinschaft zu erzeugen, daß Egoismus die größte Gefahr für das Zusammenleben ist.

Was wir aber in lebendigen, sich entwickelnden Beziehungen wirklich brauchen, ist die Fähigkeit jedes Einzelnen (ob als Paar oder im Team) sich selbst authentisch zu verhalten. Es bedeutet keine Rolle zu spielen, sich nicht wegen dem Anderen so zu verhalten sondern weil ich es so will oder für stimmig halte.

Und so lernen einige Paare erst durch die Trennungsberatung neue fundamentale Regeln für ein Miteinander auf Augenhöhe:

Ich muss mich 100% -tig ernst nehmen und für meine Sicht einstehen.

Ich bin NUR für meine Gefühle & Bedürfnisse verantwortlich
nicht für Deine Reaktionen darauf. Das ist Dein Bier und also Deine Verantwortung!

Ich bin authentisch am wertvollsten! Wenn ich mich zeige, wie ich wirklich bin,
dann entstehen zwar Konflikte aber daraus dann völlig neue Lösungswege.
Die wir nie gefunden hätten, wenn ich eine Rolle gespielt hätte!

Daher bin ich dankbar für jede Teamsupervision und jedes Beratungsgespräch – es erinnert mich daran, wie wertvoll es ist, Selbst-Verantwortung immer wieder neu zu üben. Denn merke: Überverantwortung bringt Dir kurzfristig Scheinlösungen – radikale Selbstverantwortung macht die Dinge zwar zuerst komplizierter und führt dann aber zu nachhaltigen Lösungen!

Inspiration für Neue Beziehungskultur

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