Über Corona reden, ohne dass es uns entzweit

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Wie wir im Team über Corona sprechen können, ohne dass es uns entzweit!

Ich habe letztens ein sehr freundliches und umsichtiges Team supervidieren dürfen. Alle Menschen in diesem Team waren sehr um ein gutes Miteinander bemüht. Dennoch hatten sich aufgrund der Corona-Lage zwei Lager an Meinungen gebildet, die immer weniger zueinander fanden.

Jeder im Team hatte einen gut nachvollziehbaren Standpunkt und konnte diesen auch gut darlegen. Es entspricht meiner Erfahrung, daß wir für gemeinsame Teamentscheidungen zuerst alle unterschiedlichen Standpunkte hören müssen.

Soweit so gut. Aber dann passierte es. Nachdem einige Menschen ihre Sicht und ihre Erfahrung mit Corona umzugehen geteilt hatten schlossen sich nahtlos Verallgemeinerungen oder Forderungen an. Das klingt dann so:

persönlicher Standpunkt: Ja ich finde das Maske tragen auch antrengend und würde es am liebsten vermeiden, aber wenn ich nur in bestimmten Situationen Maske tragen muss (z.B. beim Elternkontakt in der Abhol- und Bringesituation) dann kann ich mich damit arrangieren und werde kreativ, was die Kommunikation angeht. Das ist für mich nicht so schwer.

Verallgemeinerung: Es ist doch nicht zu viel verlangt, wenn man ab und zu die Maske tragen muss. Es geht uns doch insgesamt gut – wir haben doch noch viele Freiheiten. Kreativität ist doch auch nicht schlecht.

Dieser zweite Teil der Kommunikation, die Verallgemeinerung, bringt im Team Schwierigkeiten. Weil wir genau in diesem Moment unseren persönlichen Standpunkt zum allgemeinen Gesetz für alle machen. Wir machen das nicht aus Bosheit oder gar bewusst – es zeigt aber auf, dass wir „einfach“ von uns auf andere schließen: wenn es mir so geht, dann muss es Dir doch auch so damit gehen. Und das trifft nicht die Vielfalt der Erfahrungen von Menschen – so einfach ist es nicht, weil in einem Team immer Menschen mit sehr, sehr unterschiedlichen Lebenserfahrungen zusammenarbeiten. Es liegt in der Natur der Sache, dass Menschen mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen nicht die gleichen Schlüsse ziehen!
Bei Corona kommt noch erschwerend dazu, dass wir nicht einmal gemeinsame Fakten haben! Was als wissenschafltiche Erkenntnis gilt oder als Fake-News wird von verschiedenen Gruppen unterschiedlich bewertet.

Aber unabhängig von Corona gilt: Die unbewusste Botschaft im Team bei solchen allgemeinen Aussagen „wir müssen“ und „wir sollten“ lautet: Stell Dich nicht so an, wie kannst Du nur ein Problem damit haben, Du bist falsch. Niemand würde das bewusst und absichtlich in diesem Team so sagen wollen, aber das schützt uns nicht davor, daß allgemeine Aussagen so auf andere Menschen wirken.

Eine Frau im Team sagte traurig: Es ist schade, daß Corona uns so auseinanderbringt, wo wir uns doch eigentlich alle achten und schätzen! Leider war ich nicht geistesgegenwärtig genug, aber jetzt im Nachhinein denke ich: Nein, es ist nicht Corona, das Euch auseinanderbringt. Es ist die Art und Weise, wie ihr im Team mit Verschiedenheit umgeht. Corona bringt es nur an die Oberfläche – aber auch ohne Corona wäre Unterschiedlichkeit zum Problem im Team geworden.

Mein Tipps für konstruktive Corona-Diskussionen im Team sind:

  1. Nehmt euren persönlichen Standpunkt ernst
    Es macht einen grossen Unterschied für die Teamdiskussion, ob ihr persönlich sagt: „Ich finde eine Hygienekonzept sinnvoll und will das gerne mit Euch erarbeiten, meiner Meinung nach sind wir dann fair zu den Eltern, damit die wissen, wie wir mit Corona generell umgehen.“
    Oder ob ihr allgemein sagt: Wir müssen das machen, das ist eine Vorgabe vom Senat. Wir müssen uns an diese Regeln halten, jeder muss sich jetzt etwas einschränken.

  2. Übe Dich in Demut – Jeder Mensch ist ein eigenes Universum – gehe niemals davon aus, daß andere Menschen so denken und fühlen wie Du! Jeder Mensch hat subjektiv gute Gründe für sein Handeln.
    Wenn Du also von Deinen Erfahrungen erzählst, was für Dich klappt oder es Dir leichter macht, dann bedenke, dass genau das, was Dir hilft für jemanden anderen überhaupt nicht funktioniert! Sei demütig und neugierig – frage lieber nach, was es dem Anderen schwer macht.

  3. Keine Pauschalisierung und Verallgemeinerungen
    Diskutiert, ob man in der Garderobe Maske tragen sollte oder nicht – nicht, ob allgemein Masken tragen sinnvoll ist oder nicht.
    Diskutiert, mit welchen konkreten Einschränkungen ihr selbst/die Kinder/Eltern zurecht kommt und mit welchen nicht. Nicht, ob die staatlichen Vorgaben sinnvoll sind oder nicht.
    Nutzt das Hygienekonzept dazu, Euch die Freiheiten zu nehmen, die zu Eurem pädagogischem Konzept passen und akzeptiert dafür Einschränkungen an den Stellen, wo es Euch nicht so schmerzt. Ein individuelles und in sich logisches Hygienekonzept ermöglicht Euch mehr Freiheit, als wenn ihr alle Vorgaben „pauschal gehorsam“ umsetzt oder „pauschal verweigert“.

  4. Gib Anerkennung. Das heisst nicht, daß Du einverstanden bist, sondern, daß Du die Sichtweise des Anderen nachvollziehen kannst. Lass es Dir solange erklären, bis Du sagen kannst: „Aha, soo denkst Du, das ist interessant, ganz anders als ich, aber jetzt verstehe ich, wie Du zu Deinem Standpunkt kommst.“

Ich werde oft gefragt: Wie sollen wir denn etwas gemeinsam entscheiden, wenn wir alle einen unterschiedlichen Standpunkt haben? Wir müssen doch nach Gemeinsamkeiten suchen und nicht nach Unterschieden.

Meine Erfahrung ist, daß unterschiedliche Meinungen nie der Grund für Konflikte oder Entscheidungsunfähigkeit sind!
Denn es gibt in der Physik von Beziehungen eine Art Naturgesetz und die lautet: Erst wenn jeder seine eigene persönliche Meinung haben darf und jeder Mensch für seine Bedürfnisse Anerkennung im Team bekommen hat, ist es uns möglich, kooperativ zu sein und Kompromisse einzugehen, die nicht unserem Standpunkt entsprechen.

Erst dann können wir authentisch sagen: „Mir fällt das Maske tragen sehr schwer und es fühlt sich für mich nach wie vor so falsch an und sinnlos an – aber wenn es für Euch alle wichtig ist, dann werde ich es in bestimmten Situationen für Euch tun.“

Die Herausforderungen der Corona-Pandemie entzweien zur Zeit ganz viele Menschen. Aber wenn wir achtsam und transparent kommunizieren, wie es uns persönlich mit Corona geht – dann entsteht wie bei jedem anderem Thema in einer Beziehung mehr Nähe und mehr Verbindung.

Die Chance von Corona wäre, daß wir uns im Team viel besser kennenlernen und zwar in unserer Unterschiedlichkeit. Dass wir mehr über Menschen lernen, die anders ticken als wir – daß jemand uns scheinbar ähnlich ist und doch andere Bedürfnisse, andere Strategien im Leben hat. Und daß wir erst danach gemeinsame Wege finden, die alle mitgehen können oder in eine Klarheit finden, welchen Weg wir persönlich nicht mitgehen können – ohne uns falsch zu fühlen.

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