Selbstorganisation braucht Selbstverantwortung

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Selbstorganisation braucht Selbstverantwortung!

Selbstorganisation ist eine uralte „Idee“ der Evolution und eine sehr junge Idee für Unternehmen und Organisationen. Die Evolution bedient sich schon immer komplexer Selbstorganisationssysteme, z.B. um unseren Körper einfach am Laufen zu halten, ohne daß wir bewusst etwas dafür tun müssen. Mein Körper atmet von allein und ständig organisieren sich unendlich viele kleine Prozesse, so daß die Verdauung funktioniert oder mir nicht kalt wird.

Diese biologischen Gesetze der Selbstorganisation von Systemen auch für die Organisation eines Unternehmens oder einer Kita / Schule zu nutzen ist dagegen eine sehr junge Idee und dank des Bestsellers „Reinventing Organization“ von Frederic Laloux immer bekannter. 

In diesem Buch werden Unternehmen vorgestellt, die in unterschiedlicher Weise auf Hierarchie, Konkurrenz und Machtdominanz verzichten.  Stattdessen wird mit neuen Prinzipien gearbeitet: Vertrauen in Kooperationsbereitschaft, gemeinsamer Sinn und Werte und Ganzheit des Menschen.  Die sogenannte New Work Bewegung eint die Sehnsucht nach einem anderen, neuen Miteinander in einer Vertrauenskultur oder Wir-Kultur. Teams wünschen sich nicht eine starke Leitungskraft, sondern wollen gemeinsam handeln und Entscheidungen dezentral treffen. Kontrolle erfolgt nicht mehr oben, sondern ergibt sich durch eine neuartige Rückmeldekultur jenseits von Lob & Kritik.

Heute gibt es Unternehmen, Kitas und Schulen mit flacher Hierarchie und viel gewünschter Selbstorganisation. Viele Teams möchten möglichst autonom entscheiden, wie sie arbeiten wollen und welche Richtung die Organisationsentwicklung nehmen soll.

Aber wie immer steckt der Teufel im Detail. Die Idee ist sofort sympathisch, aber wie soll es konkret funktionieren?

In einer hierarchischen Gruppe werden Entscheidungen von einer feststehenden Leitungs-Person gefällt und der Rest muss diese Entscheidung umsetzen. In einer selbstorganisierten Gruppe üben sich alle in Selbstverantwortung (Was will ich, was will ich nicht, was erscheint mir stimmig, wem könnte ich für diese Aufgabe die Führung übergeben) und handeln auf dieser Basis eine gemeinsame Lösung aus. Damit diese Form der Zusammenarbeit gelingen kann, brauchen alle Mitglieder einer selbstorganisierten Gruppen drei Kompetenzen:

  1. Die Fähigkeit sich selbst spüren zu können,
  2. Prozesse in der Gruppe spüren und benennen zu können und
  3. Wissensbausteinen über Selbstorganisation, z.B. Kenntnis der vier Werte für gelingende Kommunikation: Integrität, Selbstverantwortung, Authentizität und Gleichwürdigkeit (siehe dazu auch mein Blogartikel „Warum immer dieser vier Werte?„).

Was macht eine Gruppe stark? Wenn sich der einzelne zurücknimmt oder wenn er Selbstverantwortung ausübt?

Je nachdem:  In der Angstkultur macht Anpassung stark,
in der Vertrauenskultur macht Selbstverantwortung stark!

 

Nun tummeln sich ja bekanntermaßen in sozialen Berufen gerade die Menschen, die eine hohe Empathiefähigkeit haben und eher schlecht auf ihre eigenen Grenzen aufpassen können. Und eben auch genau jene Menschen, die auf keinen Fall „egoistisch“ sein wollen. Diese Angst vor Egoismus enspringt einer veralteten Angst- und Gehorsamskultur. Leider steckt sie uns dennoch tief in den Knochen.

Ein Schritt in die gelebte Selbstverantwortung ist es, sich bewusst von dem alten Wert „Egoismus schadet der Gruppe“, ein zentrales Credo der Gehorsamskultur, zu verabschieden. Dazu brauchen wir das Wissen, dass starke Gruppen in der Vertrauenskultur anders funktionieren als in der Angstkultur der letzten Jahrhunderte. Heute wissen wir, daß der Mensch von Geburt an sozial und hochkooperativ ist. Heute wissen wir, daß ein angemessenes Sozialverhalten Kindern nicht antrainierbar ist, sondern das Ergebnis gelingender Bindungsprozesse und damit gelingender Selbstwahrnehmung ist. Wir wissen heute, daß es sich paradox zur Einstellung unserer Grosseltern verhält: Wir lernen soziales Verhalten nicht durch Anpassung und „sich zurücknehmen“, sondern durch das sich selbst 100%tig ernst nehmen!

Aus der Physik von Beziehungen:

Aus Selbstverantwortung ensteht immer automatisch soziale Verantwortung!
Aus sozialer Verantwortung entsteht nie automatisch Selbstverantwortung!

Was hilft uns praktisch im Alltag in die Selbstverantwortung zu kommen?

  1. Selbstverantwortung ist die Voraussetzung für soziale Verantwortung
    In unserer Gesellschaft erziehen wir Kinder stark in Richtung soziale Verantwortung: „Achte darauf, wie es dem Anderen geht“. Bei dem Wort Verantwortung denken die meisten Menschen nur an Verantwortung für andere (siehe dazu auch mein Blogartikel „Wie Dein Verantwortungsgefühl zum Gift in der Beziehung wird„). Merke: Wenn es sich anfühlt wie Egoismus, könntest Du gerade wichtige Selbstverantwortung prakizieren! 

  2. Die 60-40 Regel
    Ich versuche immer wieder im Alltag 60% meiner Aufmerksamkeit bei mir selbst zu haben: Wie fühle ich mich gerade? Wie spüre ich gerade meinen Körper? Was brauche ich? Was will ich? Die restlichen 40% sind für mein Gegenüber: Wie fühlt sich dieser Mensch an? Was höre ich von meinem Gegenüber?

  3. Ich statt Wir
    In vielen Gruppen reden die Menschen pauschal: „Wir müssten mal dies und jenes machen. Man sollte dieses tun.“
    Diese Sprechart verhindert aktiv die Übernahme von Selbstverantwortung. Viel einfacher wird es, wenn jede/jeder sich darin übt, Ich statt Wir zu sagen. „Ich finde es wichtig, daß … Ich werde diese Aufgabe übernehmen.“ Oder:  „Ich will mich dafür nicht engagieren, weil ich dafür keine Energie habe. Ich bin dafür, diese Aufgabe – obwohl wichtig und wünschenswert – hintenan zu stellen, weil gerade niemand dafür Energie hat“.

  4. Ich will/Ich will nicht 
    Das sollte unser wichtigster Aussagesatz werden! Keine Aussage ist klarer und unmißverständlicher. Es verlangt allerdings den Mut, das alte Gebot der Angst- und Gehorsamskultur zu verletzen: „Ich will sagt man nicht. Es heißt ich möchte.“ Diese Wahrheit aus einer Kultur der Angst vor autoritär Mächtigeren ist in einer Vertrauenskultur unter Gleichen nicht mehr zielführend.

  5. Abschied von der ToDo-Liste
    In der Gehorsamskultur fragen wir: „Was muss getan werden?“ Und fühlen uns erdrückt von unseren eigenen hohen Ansprüchen und der unendlichen Liste an Aufgaben. In der Vertrauenskultur gehen wir Schritt für Schritt und vertrauen auf Selbstorganisation, also daß es gut wird, wenn viele Menschen ihren Teil dazutun. Wir fragen uns: „Wofür bin wirklich ich verantwortlich und was ist die Verantwortung der anderen? Was ist der nächste stimmige & machbare Schritt für mich? Was schaffe ich heute? Wofür will ich mir Zeit nehmen und was tue ich alles bewusst nicht?“

Aus der Physik von Beziehungen:

Wenn jeder für sich sorgt, ist für alle gut gesorgt!

Könnte es so einfach sein? Ja, es ist ziemlich einfach – und falls Du es mal ausprobierst, wirst Du staunen, was alles möglich ist. Klare, freundliche und zugewandte Kommunikation auf Augenhöhe entsteht durch Selbstverantwortung! Selbstverantwortung ermöglicht einen Dialog und die Wertschätzung von Unterschieden. Wer davon einmal gekostet hat, wird süchtig und es nicht mehr missen wollen!

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