7 Veränderungen, die das deutsche Schulsystem revolutionieren

Dass es einige grundlegende Schwierigkeiten mit dem deutschen Schulsystem gibt, die man durch etwas Reform hier und da nicht in den Griff bekommt, spricht sich langsam herum. Dass schulisches Lernen auch anders und sehr befriedigend gestaltet werden kann, zeigen viele deutsche Reformschulen. Deren Erfahrungen inspirieren aber leider eher nicht das öffentliche Schulsystem und so kommt es zu einer Aufspaltung der Schullandschaft in sehr innovative und sehr traditionelle Schulen.

Der Zeitungsartikel über das öffentliche Schulsystem in einem kleinem, sehr speziellem Teil der Welt: „Schulen im Silicon Valley: Der Sternenhimmel ist das Ziel, nicht die Versetzung“  von Astrid Maier aus dem Spiegel ist wirklich beeindruckend. Darin beschreibt sie ein regionales Schulsystem, das sich in allen Punkten diametral von unserem deutschem unterscheidet:

  • das Personal ist ausgezeichnet (messbar an der Anzahl der Kinder, die dauerhaft gerne lernen!)
  • die Kinder sind von dem Schulbesuch begeistert, lernen und erfahren große Selbstwirksamkeit (während in Deutschland die Schullust ca. 3 Wochen nach der Einschulung tendenziell nur noch sinkt)
  • es gibt eine Willkommenskultur und ein sehr starkes Engagement, alle fremden Kinder zu integrieren (durch Hilfspersonen, Sprachhilfen usw.)
  • reiche, gebildete Eltern unterstützen die öffentliche Schule durch reichlich Spenden (statt eigene Privatschulen zu finanzieren, wie es der aktuelle Trend in Deutschland ist)

„Ausgezeichnete Lehrer, eine außergewöhnliche Willkommenskultur und sehr viel Geld – das allein sind aber noch nicht alle Zutaten, die das Schulsystem hier von allen anderen, die ich erlebt habe, unterscheiden. Die wichtigste Ingredienz gibt es nirgendwo zu kaufen: Es ist der Geist, der all das hier trägt.“

Von diesem Geist hätte ich gern auch mehr in Deutschland. Wir sind aus vielerlei Gründen in traditionellen Schulen sehr stark einer Fehlersuchkultur verhaftet, die unsere Schulkinder jeden Tag in ein  „Richtig/Falsch-Korsetts“ zwängt. Statt in den Kindern die Flamme der Begeisterung und des Experimentierens zu entzünden (dann macht man allerdings viele Fehler und begeht Irrwege…), wird bei uns täglich mit dem Rotstift gelehrt, dass es am besten ist keine Fehler zu machen. Diese Geisteshaltung der permanenten Bewertung verhindert die Entfaltung der individuellen Potentiale unserer Kinder sowie später einen gesamtgesellschaftlichen Innovationsgeist.

„Malinas Schuljahr in Palo Alto hat unserer ganzen Familie klargemacht, dass das Silicon Valley weniger ein Ort auf der Landkarte als vielmehr eine Geisteshaltung ist: Es gibt immer eine Gelegenheit, etwas Neues und hoffentlich Besseres zu erfinden. Jeder kann für sich beanspruchen, die Welt zu verändern. Und wenn mal etwas schiefgeht, dann fängt man eben noch mal von vorne an. Lisa hat mit den Kindern vor Kurzem auch das „Scheitern“ gelernt. Die Einstellung wird schon in der Vorschule vorgelebt. Innovation hat zuvorderst mit Psychologie zu tun.“

Statt dem Geist des Entdeckens und Stolperns finde ich in deutschen Durchschnittsschulen in der Regel folgende Symptome:

  • SchulleiterInnen laufen Gefahr ausgebrannt zu werden oder sind persönlich unglaubwürdig mangels Führungskompetenz
  • LehrerInnen sind EinzelkämpferInnen, kein Unterricht und keine Klassenführung im Team
  • Das Klima im Lehrerzimmer ist nicht wertschätzend und respektvoll
  • Lob, Belohnung und Kritik, Tests und Bewertungssdruck bestimmen im hohen Maße den Schulalltag
  • Jeder versucht sein Bestes dem Schulsystem gerecht zu werden oder es wird gemeckert – es gibt wenig systemischen Gestaltungsspielraum
  • Eltern werden als Bedrohung und Anstrengung erfahren, einige Elterngespräche machen viel Kopfschmerzen, die LehrerInnen haben keine feste Supervision für solche Themen
  • Es gibt keine Reflektion der LehrerInnen untereinander, WIE es ihnen persönlich an ihrer Schule geht, sondern nur, was als nächstes Projekt stattfinden soll oder was noch mehr geleistet werden soll
  • Es gibt LehrerInnen/SchülerInnen, mit denen weder das Lehrerteam noch die Klassengemeinschaft zurecht kommen und die man (heimlich) am liebsten los sein würde

Wie man den Geist im deutschen Schulsystem revolutionieren kann – ich weiss es nicht, es gibt keine einfachen Patentrezete. Idealerweise bringen SchulleiterInnen einen frischen Geist in die Schule und sollten dafür angemessen bezahlt werden und durch reichlich Führungscoaching unterstützt werden. Wenn LehrerInnen solche Art der klaren Führung (gewaltfrei, respektvoll, persönlich) am eigenen Leib erfahren, dann können sie diesen Geist in die Schulklasse tragen und sich (politische, finanzielle) Unterstützung von den Eltern holen  (statt in den Eltern den größten Feind zu sehen).

Aber es bräuchte eben auch einen neuen Geist, den die SchulleiterInnen authentisch vorleben:

  • Der Glaube, dass der einzelne Mensch und das Wohlbefinden jedes einzelnen Lehrers wichtiger ist als das Funktionieren des Systems. Nicht Harmonie, aber wertschätzende Anerkennung unterschiedlicher Bedürfnisse im LehrerInnenteam wäre grundlegend.
  • Die Erfahrung, dass ein wertschätzendes Miteinander auf Augenhöhe Menschen glücklich macht und LehrerInnen wie Kinder dann in den einzelnen Details des Schulalltags sehr anpassungsfähig sind.
  • Die Erfahrung, dass es wichtiger ist WIE wir Dinge tun, als WAS und mit welcher ABSICHT. Gute Absichten sind eine grosse Falle für PädagogInnen, was zählt ist, ob die SchülerInnen sich wirklich wertgeschätzt fühlen und wirklich gerne lernen.
  • Die Erfahrung, dass wenn jeder einzelne Lehrer auf das hört, was ihm gut tut und seinen SchülerInnen lernen hilft, dieses dem ganzen System zu Gute kommt und es reifen lässt. Gute Anregungen, wie sich das im Alltag umsetzen lässt bietet das Buch von Helle Jensen „Hellwach und ganz bei sich“.
  • Dass jeder Mensch, der durch sein Verhalten nicht im Schulsystem „funktioniert“ ein wichtiger Anstoß für Veränderungen wäre.
    Dann wäre jedes einzelne Kind wichtig ist und keines wird im Namen des Schulsystems für  verloren erklärt werden. Wenn wir voraussetzen, dass Kinder sich von Natur aus hochkooperativ verhalten, dann sollten wir uns wirklich für die Gründe interessieren, warum Kinder die Kooperation aufgeben oder vermeintlich aufgeben. Herausfordernde Kinder brauchen nicht mehr Strenge oder mehr Regeln, sondern Lehrer, die sich Hilfe holen und gemeinsam mit diesen Kindern über sich hinaus wachsen und Dinge in Bewegung bringen.
  • Dass LehrerIn zu sein bedeutet, selbst immer weiter zu lernen, wie die eigene Persönlichkeit die Beziehungsqualität bestimmt, wie Lernen geht und vermittelbar ist.

 

Was kann ich tun, damit ein neuer Geist im deutschen Schulsystem wehen kann? Wenn wir an diesen 7 Punkten Einfluss nehmen, könnte es leichter werden, den hier und da schon vorhandenen Geist einer neuen Lernkultur flächendeckend zu verbreiten:

  1. Schulleitungen angemessen für ihre Führungsfunktion bezahlen und dann auch entsprechend hoch qualifizieren/weiterbilden in Führungskompetenz und Organisationsmanagement (Eltern könnten hier politisch Druck machen, es geht doch um die Ausbildung ihrer Kinder, die Zukunft der Gesellschaft!)
  2. LehrerInnen mit Fortbildungen & Supervision verwöhnen – viele Fortbildungen, regelmäßig Supervision (nicht nur im Notfall), viel Zeit für Intervision, Nachhilfe in Beziehungskompetenz (denn das wurde in der Ausbildung vernachlässigt)
  3. Freie Schulen staatlich fördern und anerkennen, da sie reformfreudiger und experimentierfreudiger sind und deswegen als Motor pädagogischer Entwicklung genutzt werden könnten. Die wichtigen Praxis-Erfahrungen allen Schulen Deutschlands zur Verfügung stellen (Lehreraustausch, s. nächster Punkt)
  4. Lehreraustausch – alle LehrerInnen hospitieren einmal jährlich in anderen Schulen und lassen sich durch fremde Schulkulturen inspirieren
  5. LehrerInnen arbeiten nur im Team (Eltern könnten viel mehr einfordern, dass Schulklassen immer von einem Team lerntechnisch begleitet werden, damit z.B. persönliche Vorlieben und Abneigungen eines Einzelnen nicht die Schullaufbahn des Kindes prägen)
  6. Schulleitung und Eltern behandeln LehrerInnen sehr wertschätzend – und verlangen dann dasselbe  von den LehrerInnen gegenüber den Kindern. Dies bedeutet, den LehrerInnen Fachkompetenz zuzusprechen und gleichzeitig auf Augenhöhe miteinander zu reden. Eltern mischen sich nicht in Angelegenheiten der Lehrkräfte, aber lernen persönliche Rückmeldung zu geben, wie es den Eltern und dem Kind in der Schule mit dem jeweiligen Lehrer/der Situation geht.
  7. Anspruchsvoll sein und Hilfe holen! Mir fällt auf, dass wir alle kulturell hohe Ansprüche an das gesellschaftliche Funktionieren/Anpassen von Menschen haben… nicht aber den gleichen hohen Anspruch, dass Systeme und Gemeinschaften auch die Werte leben, die sie predigen! Warum geben wir uns als Leitung, LehrerIn oder Elternteil zufrieden mit einem schlechten System? Mit der Einstellung, dass ich mir selbst Hilfe hole, falls ich an meine Grenzen komme, verändert sich alles. Dann, wenn ich meine eigenen Werte nicht umsetzen kann: wenn ich viel meckere, obwohl ich respektvoll sein will oder wenn ich Druck mache, obwohl ich doch Freiwilligkeit fördern will, wenn ich in Gesprächen ängstlich/wütend werde oder mein Standpunkt nicht vertreten kann ohne abwertend, beleidigend zu werden usw. Veränderungen fangen bei mir selbst an!

 

Alle diese praktischen, sofort umsetzbaren Veränderungen würden auf eine langfristige Neubewertung und Neudefinition der Lehrerrolle zulaufen. Das Ziel des Handelns wäre neu, die Art und Weise des Handelns, die Art und Weise der Einbeziehung der eigenen Persönlichkeit als wichtiges Handwerkzeug der PädagogIn, das Entdecken der Grundqualifikation Beziehungskompetenz, die Bewertung der gesellschaftlichen Rolle des Berufes, die Ausbildungsanforderungen, die Führungsqualifikationen der SchulleiterInnen wären zentral und nicht mehr zufällige, ehrenamtliche Gabe, die Anforderungen an lebenslanges Weiterbilden…  und das würde meiner Meinung nach eine echte, sehr langfristige Schulrevolution von der Basis her in Gang setzen. Und die LehrerInnen könnten selbst bestimmen, wie sie sich entwickeln wollen statt noch mehr leisten zu müssen. Das wäre keine Reform von oben, das wäre ein neues Schulsystem!

Warum ich diesen Blog-Artikel schreibe? Meine Erfahrungen zeigen, dass Menschen all dies wollen und freudig umsetzen, wenn sie Hilfe bekommen, ihren Träumen zu folgen, ihre Berufung als PädagogIn wirklich zu leben und Hindernisse innen und außen ernst nehmen. Die guten Absichten sind allerorts da, zu wenig aber gibt es Ermutigung, Durchsetzungskraft und fachlich-finanzielle Unterstützung, die notwendigen, manchmal auch schmerzhaften Schritte anzugehen, die solche eine Schulsystemrevolution von innen erfordert. Genau deswegen lautet mein letzter Punkt: Anspruchsvoll sein – nicht den Traum aufgeben  – denn er ist machbar. Du musst nur lange genug suchen und Du findest Vorbilder, siehe z.B. dem Zeitungsartikel.

Katrin Paul – beziehungskompetent.de

 

 

 

Author: Katrin Paul

Baujahr 1969, Wildnisreisende, Pädagogin, Naturliebhaberin, Mutter und Ehefrau, Kitaleiterin, Qigonglehrerin, Projektmanagerin... immer daran interessiert, der Natur der Sache auf den Grund zu gehen und Weite in den Horizont zu bekommen. Meine Lieblingsthemen: Bewegte Meditation, Coaching zur Potentialentfaltung, Elterncoaching, Kita- und Schulfortbildungen zur Beziehungskompetenz und Umgang mit traumatisierten Kindern.