Die hilflosen Fachkräfte – Auszeit als Strafe in Kitas noch sehr gängig!

Heute war ich mit meiner Kollegin Corinna Simpson in einer ErzieherInnenfachschule und wir haben einen Thementag „Herausfordernde Kinder“ durchgeführt. Wir waren beeindruckt von der Vielfältigkeit und den Lebenserfahrungen der Quereinsteiger in diesem Beruf – und schockiert, was die angehenden ErzieherInnen aus Praktika für Erfahrungen mitbrachten. Die Strafe „Auszeit“, die von Pampers empfohlen auf Facebook ein Entrüstungssturm auslöste (#pampersauszeit) – gehört in sehr vielen Kitas in Berlin zum normalen Alltag! Es scheint die einzige Lösung, wenn Kinder sich nicht anpassen und funktionieren. Und PraktikantInnen sind dann zwar irritiert, aber trauen sich nicht, den gestanden ErzieherInnen zu sagen, daß wir heute wissen, daß Bestrafung von Kindern weder zum Ziel führt noch mit unseren Werten von Gleichwürdigkeit und Gewaltlosigkeit vereinbar ist. Es gibt viel bessere Alternativen, die zu einem tragfähigem Frieden für Groß und Klein führen – aber dafür ist es notwendig, die Kinderperspektive verstehen zu wollen und davon auszugehen, dass Kinder niemanden mit ihrem Verhalten ärgern oder nerven wollen. Wenn wir beobachten und zuhören, Ihnen bessere Alternativen für Ihre tieferen Bedürfnisse anbieten – nehmen sie diese gerne an.

Die Herausforderung für die Erwachsenen scheint dabei zu sein, dass bisher das Funktionieren wichtiger war als die Befindlichkeit jedes einzelnen. Wir dürfen lockerer sein, Regeln sind ein Richtlinie, kein Durchsetzungsmuss für Fachkräfte. Viel würde sich entspannen, wenn Fachkräfte persönliche Verantwortung übernehmen und statt mit Macht abstrakte Regeln durchzusetzen. Das bedeutet dem einzelnen Kind zu sagen: „Ich will nicht, dass Du andere verletzt. Worüber hast Du Dich so geärgert? Wie kann ich Dir helfen? Habe ich etwas nicht mitbekommen?“ (statt „Du weißt doch ganz genau, dass wir hier nicht schlagen, das ist unsere Regel und die Regeln müssen alle einhalten! Warum verstehst Du das denn einfach nicht?“)

Und statt sich Hilfe als Fachkraft zu suchen („Warum komme ich hier an meine Grenzen? Mir fällt nichts mehr ein, wo ist meine Kreativität?) gibt es dann noch den absurden Weg, daß die Eltern mehr auf ihre Kinder einwirken sollten, damit die ErzieherInnen nicht mehr so viele Probleme mit diesen Kindern haben. Das ist Abgabe von Verantwortung. Eltern können nicht die Hilflosigkeit von ErzieherInnen lösen. Meistens sind ja auch die Eltern von diesen Kindern hilflos und bräuchten dringend Unterstützung statt Druck. Diese Form von Elternarbeit hat nichts mit einer gleichwürdigen, tragfähigen Zusammenarbeit zwischen ErzieherInnen und Fachkräften zu tun!

Hilfreich wäre es, Fachkräfte zu ermächtigen, Ihre ganze Person und Authentizität einzubringen. „Wie kann ich Kinder stoppen ohne selbst verletzend zu werden?“  und  „Darf ich laut werden?“ waren Fragen, die aufkamen – denn laut sein wird so schnell mit Gewalt assoziiert. Aber Lautwerden, wenn ich leise nicht gehört werde, hat nichts mit gewalttätig sein zu tun. Gewalt entsteht, wenn es mir nicht möglich ist, die Verantwortung für meine Gefühle zu übernehmen und ich impulsiv schreie, dabei bin ich in mir selbst abgeschnitten von einem Teil meiner Persönlichkeit. Gewalt entsteht, wenn die Wut Oberhand gewinnt und eigenmächtig handelt.

Es ist möglich, laut zu werden und dabei verantwortlich zu sein, die Wut zu spüren, aber auch mich selbst dabei aushalten und akzeptieren zu können. Das haben viele Menschen vielleicht noch nie in ihrem Leben erleben dürfen – wir finden dazu kaum Vorbilder, aber wir können es lernen und trainieren.

Die Auszeit-Strafe ist ein Symptom der Hilflosigkeit von Eltern und Fachkräften. Es ist ein Anzeichen von Zerrissenheit zwischen den Werten im Kopf und der Angst im Bauch, denn die meisten würden darauf nicht bestehen, wenn sie nur wüssten, was sie stattdessen tun könnten. Wie sich Gewalt von starkem authentisch-persönlichem Verhalten unterscheidet, dass ist ein Feld, das Fachkräfte dringend mehr für sich erforschen müssten.

Wer sich mit mehr mit der Basiskompetenz Authentizität auseinandersetzen will, für den könnte unser Seminar „authentiv play“ oder Führungstraining für Fachkräfte genau das Richtige sein – denn um neue Handlungsspielräume zu erforschen, müssen wir üben können und ausprobieren dürfen…

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Entwürdigend – was SchülerInnen alltäglich über sich ergehen lassen müssen

Anschreien, Meckern, Bloßstellen, Häme, Unterstellungen, Witze auf Kosten eines Schülers und die anderen Schüler lachen – all das geschieht täglich in deutschen Klassenzimmern! Und zwar nicht durch Mobbing der Kinder untereinander, sondern durch Lehrkräfte, die ihren Unterricht mit diesen Methoden „bereichern“ und die das eigentlich auch ganz normal finden.  
Vielleicht weil es Ihnen anders unmöglich erscheint Ruhe herzustellen oder ein Arbeitsklima zu schaffen. Oder zum angeblich Besten des Schülers nach dem Motto: „Den muss man mal etwas zurechtstutzen, damit noch was aus ihm wird.“  Ich rede hier nicht von den Lehrkräften, die gelegentlich aus der Haut fahren oder meckern und sich danach angemessen für ihr Verhalten entschuldigen können – ich rede hier von denen, die sich generell ein respektvolles Unterrichtsklima gar nicht vorstellen können bzw. scheinbar noch nie erlebt haben. 
Ein Schüler aus der vierten Klasse fragte mich letztens: Ist dieses Verhalten nicht verboten? Dürfen LehrerInnen so fiese Dinge überhaupt machen? Kann die Schule die nicht einfach hinauswerfen?
Deshalb habe ich mich schlau gemacht und einen Blick in das Brandenburgische Schulgesetz geworfen und da steht tätsächlich:
 
Auszug aus dem Brandenburgischen Schulgesetz: 
Abschnitt 4, Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen
§ 63 Grundsätze
 
(1) Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen dienen der Sicherung des gesetzlichen Auftrages der Schule und dem Schutz von Personen und Sachen. Sie beziehen sich angemessen und unmittelbar auf das Fehlverhalten einer Schülerin oder eines Schülers in der Schule. Erziehungsmaßnahmen richten sich vor allem an die Einsicht der Schülerinnen und Schüler und gehen in der Regel Ordnungsmaßnahmen vor. Die körperliche Züchtigung sowie andere entwürdigende Maßnahmen sind verboten.“
„Andere entwürdigende Maßnahmen“ ist natürlich recht offen formuliert und verbale Gewalt ist sehr viel schwerer zu fassen als körperliche Gewalt. Mein einfachster Lehrsatz lautet für Kinder: „Wenn ihr miteinander lacht, dann fühlt es sich für ALLE gut an. Wenn ihr über ein Kind lacht, dann ist das für das eine Kind schrecklich und die anderen Kinder lachen zwar, haben aber auch Angst, dass sie es sie mal genauso treffen könnte – das fühlt sich nicht wirklich gut tief drinnen an. Das könnt ihr selbst ganz einfach im Bauch überprüfen.“
Es gibt LehrerInnen, die durch ihr respektloses Verhalten  gegenüber SchülerInnen täglich das Schulgesetz mit Füßen treten und dennoch sind es die SchülerInnen, die meistens am kürzeren Hebel sitzen. Sie brauchen mutige Eltern, die nicht locker lassen. Die sich nicht abspeisen lassen von Sätzen: „Das ist mir so herausgerutscht, kommt nicht wieder vor“, wenn es doch offensichtlich ist, dass das Verhalten systematisch auftritt. Eltern, die ihrem Kind mehr trauen als der Stimme eines Erwachsenen. Eltern, die sehen können, dass ihr Kind vielleicht dieses oder jenes gemacht hat und dennoch fordern können, dass ihr Kind IMMER eine respektvolle Behandlung verdient, keine Beleidigungen, Unterstellungen oder Entwürdigungen. Eltern, die trotz aller Wut auf so eine Lehrkraft noch einen Dialog führen können – kein Kinderspiel kann ich aus eigener Erfahrung und der Begleitung vieler Eltern sagen.
Und ich wünsche mir so viel mehr LehrerInnen, die ihren ehrlichen SchülerInnen dankbar sind für deren Rückmeldungen, wann sie als Lehrer anstrengend oder verletzend sind. Was für ein Geschenk und Impuls, die eigenen blinden Flecken zu erforschen (die ja alle Menschen haben). Jede ersteinmal unangenehme Rückmeldung ist eine großartige Einladung sein eigene fachpersönliche Weiterentwicklung als pädagogische Fachkraft in Gang zu halten, Supervision in Anspruch zu nehmen und zu wachsen.

Die Seele geht in den meisten Organisationen verloren

Ich erinnere mich an eine Erzieherin, der in einem Workshop zu Beziehungskompetenz langsam klar wurde, wie gewalttätig das Verhalten ihrer Vorgesetzten war. In gewisser Weise gewöhnen wir uns an sprachliche Herabsetzungen oder respektlose Behandlungen, weil sie in einigen Einrichtungen zu alltäglich und zu „normal“ werden.

Zum Thema „alltägliche Gewalt in normalen Kitas und Schulen durch Sprache und scheinbar harmloses Verhalten“ hat mich diese Passage aus dem Buch von Laloux besonders berührt:

 

„Park Palmer, Pädagoge, Autor und Aktivist hat sein ganzes Leben erforscht, was nötig ist, damit wir in einer Gemeinschaft die Ganzheit suchen und finden können.

Welcher Raum eröffnet die beste Möglichkeit, um die Wahrheit unserer Seele zu hören und ihr zu folgen? … Meine Antwort schöpft aus einer einzigen Metapher, die für mich die Essenz der Seele reflektiert und gleichzeitig ihr Geheimnis würdigt: die Seele ist wie ein wildes Tier.

So wie ein wildes Tier ist die Seele stark, widerstandsfähig, klug, neugierig und unabhängig: Sie weiß, wie sie in einer schwierigen Umgebung überleben kann. Viele von uns lernen diese Eigenschaft in den dunkelsten Stunden unseres Lebens kennen, wenn die Fähigkeiten , auf die wir uns normalerweise verlassen, nicht mehr ausreichen – der Intellekt ist nutzlos, die Emotionen abgestorben, der Wille ohnmächtig und das Ego zerstört. Manchmal spüren wir tief im Dickicht unseres inneren Lebens die Anwesenheit von etwas, das weiß, wie es weiterleben kann, und uns hilft, weiterzugehen. Dieses Etwas, so meine ich, ist die starke und beharrliche Seele.

Aber trotz dieser Stärke ist die Seele auch scheu. Wie ein wildes Tier sucht sie Sicherheit im dichten Unterholz, besonders wenn andere Menschen in der Nähe sind. Wenn wir ein wildes Tier sehen wollen, dann wissen wir, dass wir auf keinen Fall durch den Wald rennen nach ihm rufen sollten. Aber wenn wir leise in den Wald laufen und uns geduldig unter einen Baum setzen, im Einklang mit der Erde atmen und uns mit der Umgebung verbinden, wird das wilde Tier, das wir suchen, vielleicht erscheinen. …

Leider bedeutet Gemeinschaft in unserer Kultur oft eine Gruppe von Menschen, die zusammen durch den Wald rennen und die Seele verscheuchen. … Unter diesen Umständen erscheinen der Intellekt, die Emotionen, der Wille und das Ego, aber nicht die Seele; wir verscheuchen all das worin die Seele lebt: respektvolle Beziehungen, Wohlwollen und Hoffnung.

In Organisationen gleicht unser Zusammensein oft auch dem „Rennen durch den Wald“. Um die Seele zu verscheuchen, genügt schon ein sarkastischer Kommentar, ein Rollen mit den Augen während einer Besprechung. Wenn wir unser ganzes Selbst einladen wollen, sich zu zeigen, einschließlich der scheuen inneren Stimme der Seele, dann müssen wir am Arbeitsplatz sichere und fürsorgliche Räume schaffen. Wir müssen lernen, achtsam wahrzunehmen, wie unsere Worte und unser Handeln subtil dazu beitragen können, in einer Gemeinschaft von Kollegen die Sicherheit und das Vertrauen zu schwächen.“

 

Frederic Laloux, Reinventing Organizations, Ein Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit, Verlag Franz Vahlen München, 2015, S. 148

Katrin Paul – beziehungskompetent in Kita & Schule

Gewaltfreiheit – starke Aktion

Für Gewaltfreiheit – starke Aktion.
Gewalt ist auch verletzende Sprache: Meckern, Schimpfen, Anschreien, Vorwürfe, Verachtung. Viele Kinder erleben es täglich in Kita und Schule, dass Pädagogen an ihre Grenzen kommen und Kinder dafür mit gewalttätiger Sprache verantwortlich machen.
Verantwortung als Erwachsener tragen bedeutet, dass ich spüren können muss, wann ich mich hilflos oder wertlos fühle und dies dann authentisch ausdrücke (z.B. „jetzt weiss ich wirklich nicht mehr weiter) statt den Schmerz wegzuschimpfen. Das hört sich einfach an, ich habe aber noch keinen Erwachsenen im Coaching erlebt, dem dies beim ersten Mal ohne tiefste Rührung und Tränen im Gesicht gelang, weil es tiefste Ängste in uns anspricht so zu handeln.